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Israelreise im Rahmen des Erasmus+-Programms

Erasmus+

(13.06.2017) Im Rahmen des Erasmus+-Programms besuchten zwei Mitarbeiter der FHPol, Dr. Christe-Zeyse und Prof. Dr. Fickenscher, vom 21. bis 25. Mai 2017 die Nationale Polizeiakademie in Beit Shemesh in Israel.

Beit Shemesh hat laut Wikipedia rund 100.000 Einwohner und wächst in atemberaubender Geschwindigkeit. Die Stadt wurde 1950 gegründet. Von 1995 bis 2008 ist die Bevölkerung von 25.000 auf über 72.000 angewachsen, ein Wachstum von fast
200 %. Bis 2020 wird der Bevölkerungsanstieg auf 150.000 geschätzt. Beit Shemesh ist eine Art Schlaf- und Wohnstadt ohne gewachsenes Zentrum, sondern nur mit dem Einkaufszentrum BIG, ein paar Läden und kleinen Restaurants. Wegen des gleichzeitig stattfindenden Staatsbesuchs des US-amerikanischen Präsidenten Trump war die gesamte Polizei Israels in erhöhter Alarmbereitschaft. Der größte Teil der Kräfte war in Jerusalem eingesetzt, von denen viele Kräfte in Beit Shemesh untergebracht wurden.

Hier der Bericht über die Israelreise:

Sonntag, 21.5.: Durch die israelischen Vertragspartner wurde der Transport zur Nationalen Polizeiakademie in Beit Shemesh veranlasst, wo wir gegen Mitternacht ankamen. Der Empfang war ausgesprochen herzlich und kollegial.

Montag, 22.5.: Der Tag begann mit einer Präsentation über die israelische Polizei: Organisationsstruktur, Zuständigkeiten, Standorte, Ausbildung und Einsatz. Die Grundausbildung in Israel dauert vier Monate. Bereits nach zwei Monaten kommen die „Kadetten“, wie sie hier heißen, in den Praxiseinsatz mit Dienstwaffe. Derzeit befinden sich an der Akademie bis zu 3000 Teilnehmer in der Basisausbildung und Weiterbildung. Die Basis-Ausbildung findet in „Platoons“ statt, also in Zügen von ca. 35 Rekruten. Der Dozent, ein Platoon Commander, hat noch zwei Sergeanten zur Unterstützung an seiner Seite. Während der vier Monate Basis-Ausbildung ist der Commander für viele Kadetten eine Art Elternersatz und kümmert sich auch um private Dinge.

Ein Rundgang führte über den Campus, die Sportanlagen, zum Schwimmbad und zum Fitnessstudio, durch die Kursräume und Hörsäle, die Fachkabinette, die Mensa und die Aufenthaltsräume. Die gesamte Anlage ist erst zweieinhalb Jahre alt und ist zum einen vom Platzangebot her ausgesprochen großzügig dimensioniert, zum anderen aber auch im Hinblick auf die Ausstattung auf dem derzeit neuesten technischen Stand. Auf dem Übungsareal zeigten die Einsatztrainer einige Übungen:

  • Wie man eine Festnahme auch in einer feindlichen Umgebung durchführt, bevor sich Umstehende oder Anwohner mit den Festgenommenen solidarisieren und die Maßnahme stören können.
  • Wie man eine Person so überwältigt, dass sie keine Möglichkeit mehr hat, einen Polizeibeamten mit einer Schusswaffe oder einem Messer zu verletzen.
  • Wie ein Polizeibeamter durch den Einsatz von Krav Maga die Distanz zu einem Angreifer so reduziert, dass ein Messer nicht zum Einsatz kommen kann.
  • Wie der Einsatz von Krav Maga durch die Konzentration auf die empfindlichsten Punkte des Körpers auch einen körperlich überlegenen Angreifer ausschalten kann.  

Anschließend zeigte uns der Cheftrainer im Einsatztraining den gesamten Trainingsbereich. Die Polizeiakademie hat das gesamte Einsatztraining inklusive Selbstverteidigung und Schießen an eine Fremdfirma vergeben, die mit der israelischen Polizei einen Vertrag über 25 Jahre hat. Die Trainer sind allesamt Zivilisten, die von der Firma beschäftigt werden. Oft handelt es sich bei ihnen um erfahrene ehemalige Soldaten oder Polizisten. In den Kabinetten sind Kameras angebracht, damit die Übungen nachbereitet werden können. An der Akademie gibt es eine 180 Grad-Leinwand mit Szenarien, die zum Teil aus den USA bezogen oder selbst produziert wurden. Auf die Leinwand kann mit Laserpistolen geschossen werden, wobei die Übungspistolen eine CO2-Patrone haben, die einen Rückschlag simuliert. Sehr hilfreich ist, dass man sofort die Trefferlage des Schusses sehen kann. Die Software der Szenarien hat mehrere Verhaltensweisen einprogrammiert, die der Trainingsleiter aufrufen kann. Die ursprünglichen Szenarien wurden aus den USA übernommen und synchronisiert, doch hat die Akademie auch eigene Szenarien an realen Orten in israelischen Städten produzieren lassen, in die die Schauspieler hineinkopiert werden. Selbstverteidigung geschieht mit Pistole, Taser oder Krav Maga. Aufgrund der hohen Zahl von terroristisch motivierten Messerattacken sind die Trainings auch stark auf solche Angriffe fokussiert.

Später besichtigten wir das Forensic Department, wo uns eine sehr erfahrene und kenntnisreiche Kriminalistin in gutem Englisch die Verfahren erklärte, die dort vermittelt werden. Wir besprachen die Zusammenarbeit zwischen Schutz- und Kriminalpolizei bzw. Polizei und Staatsanwaltschaft; wir redeten über die Entwicklungen in der Kriminaltechnik sowie über die Notwendigkeit, gerade auch in der Schutzpolizei die entsprechende Sensibilität für die kriminalpolizeilichen Qualitätsstandards zu entwickeln. Die Inhalte und Methoden unterscheiden sich in einigen Details von den unseren, sind aber in ihren Grundzügen vergleichbar.

Ausgesprochen interessant und bewegend war der Besuch des Polizeimuseums, in dem die Geschichte der israelischen Polizei dargestellt ist. Eine Mauer mit mehreren Steinstelen listet die Namen aller seit der Staatsgründung im Dienst getöteten Polizeibeamtinnen und -beamten in Israel auf. Schon jetzt befinden sich darauf mehrere hundert Namen.

Dienstag, 23.5.: Der Chef des Regulations and Training Departments erklärte uns das Weiterbildungssystem der israelischen Polizei, und wir tauschten uns über die jeweiligen Erfahrungen aus. Ab Mittag kam der ehemalige Polizei-Attaché in Deutschland mit dazu und berichtete über die Herausforderungen an die Polizeiarbeit in Zeiten von Terroranschlägen, über den Senior Commander Course, den er zu betreuen hat, sowie über die Notwendigkeit des grenzüberschreitenden Austausches und der internationalen Zusammenarbeit. Am späten Nachmittag gab es ein Treffen beim Chef des Senior Commander Course.

Unsere Vorlesungen fanden vor ca. 50 Beamtinnen und Beamte des höheren Dienstes des Senior Commander Course statt. Prof. Dr. Fickenscher referierte über die eingriffsrechtlichen Bedingungen in Deutschland, insbesondere mit Bezug zu Einsatzlagen, wie sie auch in Israel relevant sind, wie z. B. Messerattacken, Terroranschläge und Amoklagen. Herr Dr. Christe-Zeyse sprach über die Herausforderungen an Führungskräfte in Zeiten des Wandels. Dabei standen Organisationskultur, „Sensemaking“ im Weick’schen Sinne, Organisationspolitik und die Schwierigkeiten, Führungsverhalten, das im Einsatz akzeptiert ist, auch in der Alltagsarbeit anzuwenden, im Mittelpunkt.

Mittwoch, 24.5.: Der Mittwoch stand im Zeichen des kollegialen Austauschs über eine große Bandbreite an Themen: über die besonderen Bedingungen der Polizeiarbeit in Israel und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung, die offenkundige Diskrepanz zwischen der viermonatigen Ausbildungszeit der israelischen Polizisten und der zweieinhalb- bzw. dreijährigen Ausbildungszeit der deutschen, über curriculare Fragen, über neuere Entwicklungen auf dem Feld der Polizeitrainings, aber auch über Berufsethos, die Rolle des Militärischen in der Polizeiarbeit, die Biografien der „Kadetten“, über die „Generation Y“ und die längerfristigen Trends in der polizeilichen Aus- und Weiterbildung.

Abends fand in Tel Aviv das offizielle Dinner statt. Mit dabei waren neben der verantwortlichen Vertragsansprechpartnerin auch die anderen Mitglieder der Delegation, die vor zwei Wochen in Oranienburg gewesen waren. Das Gespräch drehte sich unter anderem um den Vergleich der Polizeiarbeit in Israel und Deutschland, unsere Erfahrungen mit dem Bachelorstudium als „Eingangsqualifikation“ für den Polizeidienst, aber (natürlich) auch über die derzeitige Lage in Israel, die Bedrohung durch den Terrorismus, über die aktuellen Herausforderungen an die Polizeiarbeit in Deutschland, Europa und Israel sowie über die Erfahrungen der Kollegen in Berlin.

Donnerstag, 25.5.: Vormittags fuhren wir nach Jerusalem. Der erste Besuchsort war die Gedenkstätte Yad Vashem. Die Führung war beeindruckend, bewegend, bedrückend und wurde begleitet von emotional berührenden Gesprächen über die Vergangenheit unserer Völker, über die Gründe für den Holocaust, über die Lektionen für die Gegenwart und Zukunft.

Nach der Führung besichtigten wir die Altstadt, die Grabeskirche und die Klagemauer. Nach der Führung durch die Altstadt verabschiedeten wir uns von unserer zentralen Ansprechpartnerin und unserem Fahrer, der uns die ganze Woche über sehr zuverlässig durch den teilweise sehr dichten Verkehr gesteuert hat – verbunden mit einem herzlichen Wort des Dankes für eine zwar anstrengende, aber außerordentlich informative und horizonterweiternde Woche.

 

J. Christe-Zeyse